Dankbarkeit als Weg zum persönlichen Glück

… altmodisch oder hochmodern?

© Daniela Blickhan 2013

Schon Philosophen, Schriftsteller und Groß- mütter empfehlen uns, dankbar zu sein, das Positive zu sehen und abends den Tag mit einem positiven Rückblick ausklingen zu lassen. Was hat das mit moderner Psychologie zu tun?

Eine Eigenschaft unserer Gefühle ist, dass manche davon nicht miteinander vereinbar sind. Wir können uns zum Beispiel nicht gleichzeitig wütend und glücklich fühlen. Dankbarkeit ist ein effektives Gegenmittel für negative Gefühle wie zum Beispiel Ärger, Neid, Feindseligkeit, Groll und Sorge. Und deshalb ist es überhaupt nicht „altmodisch“, Gelegenheiten für das Gefühl der Dankbarkeit im Alltag zu finden.

„Dankbarkeit ist das Gefühl des Staunens, des Dankbar-Seins und der Feier des Lebens“, so formuliert es Robert Emmons, einer der wenigen Forscher, dessen Schwerpunkt die Dankbarkeit ist (Handbook of Positive Psychology 2002). Unabhängig davon, ob wir einem anderen Menschen dankbar sind, dem Schicksal oder einer höheren Macht, ist die Wirkung positiv: Dankbare Menschen sind nach neueren Forschungen insgesamt glücklicher, optimistischer, hilfsbereiter, einfühlsamer und religiöser bzw. spiritueller. Natürlich stellt sich die Frage, ob Dankbarkeit dabei die Ursache ist oder einfach eine weitere Wirkung? Um das zu klären, führte Robert Emmons 2003 verschiedene Untersuchungen durch.

Wissenschaftliche Experimente umfassen immer eine oder mehrere Versuchsgruppen und eine Kontrollgruppe, bei denen die Wirkungen verglichen werden. Emmons‘ Versuchsgruppe in sollte 10 Wochen lang abends fünf Dinge notieren, für die sie dankbar waren. Eine zweite Versuchsgruppe schrieb über fünf Ärgernisse des Tages und die Kontrollgruppe notierte fünf wichtige Dinge, die an diesem Tag geschehen waren. Das Ergebnis war deutlich: Die Teilnehmer der Dankbarkeitsgruppe waren optimistischer und zufriedener mit ihrem Leben. Zudem erlebten sie sich als gesünder, denn sie litten weniger unter Kopfschmerzen, Husten oder Schwindel. Und sie trieben mehr Sport.

In einer weiteren Untersuchung mit Erwachsenen, die unter chronischen Krankheiten litten, und ebenfalls sogenannte „Dankbarkeits-Tage“ ein- führten, zeigte sich ein ähnlicher Effekt: Die Teilnehmer der Dankbarkeitsgruppe erlebten nicht nur mehr positive Gefühle (Interesse, Begeisterung, Freude, Stolz), sondern sie fühlten sich sozial verbundener und schliefen besser.

Anscheinend trägt Dankbarkeit also wesentlich zum Wohlbefinden und zur Gesundheit bei. Doch wie ist das auf lange Sicht? Nutzt sich der Effekt irgendwann ab? Um das herauszufinden, variierten die Forscher bei der Übung die Häufigkeit der Aktivitäten. Die Teilnehmer sollten abends in ihr Tagebuch fünf Dinge notieren, die an diesem Tag geschehen waren, und für die sie dankbar waren.

Das Experiment lief über sechs Wochen; eine Gruppe schrieb nur einmal pro Woche, und zwar immer am Sonntagabend als Rückschau auf die vergangene Woche.

Die zweite Gruppe schrieb dreimal pro Woche: am Dienstag, am Donnerstag und am Sonntag. Bei den Teilnehmern beider Gruppen konnte kurz- fristig ein deutlicher Anstieg an Gefühlen von Dankbarkeit und Wertschätzung gemessen werden. Doch nur bei einer Gruppe änderte sich das Glücksniveau nachhaltig: die Teilnehmer die einmal pro Woche in ihr Dankbarkeitsbuch schrieben, waren langfristig glücklicher. Die Forscher vermuten, dass die Übung eher zur mechanisch ausgeführten Aufgabe wird, wenn man sie zu oft macht.

Interessant ist hier der Vergleich des Positiven Tagesrückblicks mit der Übung „Wofür bin ich dankbar?“. Ein positiver Tagesrückblick besteht darin, dass Sie sich abends Zeit nehmen, und sich überlegen, was Sie an diesem Tag Schönes erlebt haben. In einem zweiten Schritt stellen Sie sich dann die Frage: „Wie habe ich dazu beigetragen, dass ich das als positiv erlebt habe?“ Damit fällt Ihnen dann zum Beispiel auf, dass selbst eine externes positives Ereignis wie „Heute war schönes Wetter“ dadurch erst positiv wird, weil Sie sich in der Mittagspause Zeit genommen hat, um die Nase in die Sonne zu halten und die Wärme zu genießen. Und das macht zufrieden.

Der positive Tagesrückblick in dieser Form wird als tägliches Abendritual empfohlen, weil Sie damit Ihre Wahrnehmung schon tagsüber auf die Wahrnehmung positiver Ereignisse ausrichten. „Das ist jetzt gerade schön – ach, daran werde ich mich heute Abend in meinem Tagesrückblick erinnern!“ Und schon profitieren Sie zweimal vom angenehmen Erlebnis.

Zurück zum Thema Dankbarkeit: Die Übung „Wofür bin ich dankbar?“ kann den positiven Tagesrückblick ergänzen, indem Sie sich einfach einmal pro Woche ausdrücklich darauf konzentrieren, wofür oder wem Sie in den letzten Tagen dankbar sind.

Sonja Lyubomirsky nennt in ihrem Buch „Glücklich sein“ (Campus 2008) mehrere Gründe, warum Dankbarkeit langfristig glücklicher macht: Wer dankbar ist, kann positive Erfahrungen mehr genießen und erlebt weniger negative Gefühle wie Ärger, Eifersucht oder Schuld. Sein Selbst-wertgefühl steigt und er kann leichter mit Belastungen umgehen. Wer dankbar ist, verhält sich hilfsbereiter, und das wiederum stärkt seine sozialen Beziehungen - übrigens sogar dann wenn er die Dankbarkeit nicht zum Ausdruck bringt, sondern nur still darüber nachdenkt bzw. schreibt.

Und deshalb waren unsere Großmütter weise Frauen!